Vom Buch zur Tasche

Bernadette Hartl an der Nähmaschine
 

Zwischen zwei und fünf Stunden Arbeit braucht eine Bernanderl-Tasche bis zu ihrer Fertigstellung. In vielen Arbeitsschritten transformiert Bernadette Hartl Bücher in qualitativ hochwertige Handtaschen der besonderen Art. Wie sie das macht erklärt sie hier, fotografisch begleitet von Hannes Ecker.

Ein altes Buch tritt eine neue Reise an

Man möge meinen, alles beginnt mit einem Schnitt am Buch, doch zuvor müssen einige Überlegungen und Entscheidungen getroffen werden. So zum Beispiel, welches Buch und welche Stoffe? Ich kombiniere am liebsten schöne Bucheinbände mit weggegebenen Krawatten. Die Vielfalt der Bücher und der edlen Schlips ist unendlich und oft finden sich zwei, die perfekt miteinander harmonieren. 

Und wie komme ich eigentlich zu all den Büchern? Als passionierte Flohmarktgeherin fallen mir immer wieder passende Bücher in die Hände. Zunehmend aber werden sie mir aber auch schon „zugetragen“. Oder meine Kunden bringen ihre eigenen Schätze mit. Ich habe jedenfalls schon einen großen Vorrat an Büchern gesammelt.

Nun kann die handwerkliche Arbeit nach einer gedanklichen Arbeit beginnen. Sie wird aber meist schon beim Aufschlagen des Buches gleich wieder unterbrochen. Nur zu oft verliere ich mich in den Büchern, weil sich in den Büchern wunderschöne Worte der Widmung und sonstige Schätze wie gepresste Blumen oder Andenkenkarten verbergen. Dann überlege ich, wie ich diese einst mit hohem emotionalen Wert behaftete Dinge weiterleben lassen kann. So arbeite ich dann oft Widmungen ins Tascheninnere ein.  Sonstige Erinnerungsstücke unbekannter Buch-Vorbesitzer lege ich schlußendlich der Tasche bei.

So, nun geschieht der Schritt, der mir mittlerweile schon leicht fällt, vielen Menschen aber den Schweiß auf die Stirn treiben lässt: das Buch wird zerschnitten und die gebundenen Seiten in einem Stück herausgetrennt.  Den Bucheinband imprägniere ich sogleich, damit die Tasche vor regen geschützt sein kann.

Bei dünnen Büchlein ist eine „Verbreitung“ erforderlich und eine wertschätzende Applikation des schönen Buchrückens am Boden der Tasche. Hierbei kommt schon meine über 100 Jahre alte Singer-Schusternähmaschine mit Fußantrieb zum Einsatz. Sie ist meine stärkste und wichtigste Helferin beim Taschen-Nähen.

Nun nähe ich Taschenseitenteile aus der aufgetrennten Krawatte und dem Innenfutterstoff.

Wenn alte Bücher zum täglichen Tragen als Tasche Verwendung finden sollen, dann müssen sie geschützt werden. Ich bringe Kantenschutz und Taschenfüßchen an.

Soll auch eine Verschlusslasche die Tasche schließen und zieren, so muss ich auch einen Magnetverschluss befestigen.

Nun werden die Seitenteile angeleimt.

Und es kann mit der Arbeit am Tascheninneren fortgefahren werden. Dazu gehört meist ein Reißverschluss, Innentäschchen, Trennfächer und Schlüsselbänder.

Schließlich führe ich den Bucheinband und das das vorbereitete Tascheninnere zusammen.

Und die wichtigste Arbeit verrichtet wieder meine treue Mitarbeiterin, die 100-jährige Singer, mit einer unabdingbaren Naht für Qualität und Langlebigkeit.

Noch ein Taschenriemen dran und fertig. Es ist Zeit für eine Pause.

Die fertigen Taschen – wobei die meisten Unikate sind – wandern nun ab zum Fotografieren. Danach verfasse ich eine liebevolle Botschaft an die künftige Trägerin, in der ich beschreibe, was ich alles über die Herkunft des Buches weiß und was sonst so Nennenswertes im Buch zu finden war. Ich möchte die Geschichte weitergeben und weiterleben lassen.

Magnetverschluss anbringen - Ein Buch wird zur Tasche

Fotos: Hannes Ecker